Nils Ohlsen

Kontrollverlust

Auch in Zeiten von E-mail nutzt Claudia Chaseling die traditionelle Postkarte, nicht nur zur Kommunikation mit anderen, sondern auch als Reflexionsmedium und Experimentierfeld der eigenen Entwicklung. Zusammen mit Zeichnungen, Aquarellen und Fotos bilden die Karten den Ausgangspunkt für ihre Gemälde. Claudia Chaseling bearbeitet sie mit gleicher Konzentration und Sorgfalt wie ihre großen Werke. Seit dem 19.5.2008 arbeitet sie an einer Serie, die auf 365 Karten angelegt ist und täglich um eine Karte wächst.

In den Postkarten überzeichnet sie weite Bereiche der an verschiedensten Orten gesammelten Stadt- oder Landschaftsmotive mit feinen Linienstrukturen. Himmel und Horizont werden neu bestimmt, Häuser oder Wälder übermalt, Küsten und Stra§en mit engen Strichbündeln markiert, als wollte sie die dreidimensionale Landschaft in eine zweidimensionale Landkarte überführen. Wie eine Städteplanerin schafft die KŸnstlerin irgendwo zwischen kühner Architektur und freier Abstraktion neue Konstruktionen aus dynamischen Liniengeweben.

Die Postkarten kšnnen durchaus als Synonym für den Lebensstil der Künstlernomadin gelten. Nicht nur ihre Kunst sondern auch ihr Leben ist von Mobilität geprägt. Studienaufenthalte, Assistenzen, Stipendien und Preise bilden eine Zickzack-Spur von München, wie sie 1973 geboren wurde über Wien, Berlin, Bologna und die Ukraine ins australische Canberra und über London zurrück nach Berlin, wo sie seit 2007 wieder lebt und arbeitet.

Mit besonderer Sensibilität und Zielstrebigkeit spürt sie den atmosphärischen Eigenarten eines Ortes nach. Ihr Interesse gilt insbesondere der Architektur moderner Megacities und der High-tech Infrastruktur des Massentourismus. Man entdeckt moderne Hafenanlagen mit Kränen, Pipelines, Industriekomplexe oder filigrane Highways. In atemberaubenden Überschneidungen und steilen Perspektiven zeigen ihre Gemälde die Verkehrsschlagadern moderner Metropolen. Geschickt komponiert sie die Dinge und Formen zu Szenerien, die bei aller Abstraktion ihre landschaftliche Herkunft nie gänzlich verleugnen.

Automatisch geht das Auge in diesen Bildern auf Wanderschaft. Die mit Tusche, Eitempera und Ölfarbe auf Leinwand, Holz, Zement oder Papier gemalten Werke sind sorgfältig geplant. Überall lässt die Künstlerin den Betrachter minutiös ausgeführte Details entdecken. Die kleinste Einheit und zugleich die Grundlage der Werke ist die stets aus der freien Hand mit einem feinen Pinsel aufgetragene Linie. Verdichten sich die Linien, bilden sich - ähnlich wie im historischen Stahlstich Ð Schraffuren, Kurven und Raster, aus denen wiederum Formen und RŠume entstehen. Indem die Linienstrukturen übereinander geblendet werden wie transparente Folien, entstehen immer neue Staffelungen und Schwingungen, die den Betrachter in ein flimmerndes Labyrinth aus RŠumen und FlŠchen entführen. Trotz zahlreicher Übermalungen bleibt dabei stets der Eindruck von Leichtigkeit und Ordnung bestehen.

Die dynamischen Kompositionen lassen den Betrachter zwischen realen RŠumen und abstrakten Strukturen immer neue Bildwirklichkeiten entdecken. Raumgreifende Schwünge, kühne Bögen, transparente Flächen in leuchtenden Farben, schwebende Ovale und glasklare Liniengitter sorgen für Dynamik und zentrifugale Wirkung. Die Au§enkanten der Bilder sind kaum imstande, die Komposition zu bändigen. Es scheint, als würde die Künstlerin den Energien, unsichtbaren Bewegungen und Vibrationen unter der Oberfläche der Dinge nachgehen und diese sichtbar machen. Dabei entstehen rhythmische Strukturen, Liniennetze, Wellenfelder oder Vibrationen die an, Isobaren, Wetterkarten, Leiterbahnen auf Computerchips oder elektromagnetische Schwingungen erinnern.

Spannungsreich werden feste Formen und dynamische Oberflächen zusammengefügt, während gleichzeitig Schwindel erregende Blickachsen entstehen. Die Bilder gewähren dem Blick des Betrachters keine Ruhe. Sie locken ihn in Bildräume aber verweigern seinem Auge einen unbeschwerten Spaziergang durch die Kompositionen. Der Betrachter wird unsicher: Wo befindet er sich eigentlich? Wohin führen die Brücken und Highways, welcher Ma§stab ist angesichts der scheinbar monumentalen Infrastrukturen gültig, und welchen Zugang hat er zu ihnen?

Chaselings Bilder locken und verunsichern zugleich. Gefangen inmitten scheinbarer Transparenzen und Reflexionen sucht der Blick des Betrachters nach Bezugspunkten eines schlüssigen Raumkontinuums. In der Makroperspektive der Bilder durchdringen sich Zwei- und DreidimensionalitŠt, Realismus und Abstraktion. Je genauer man hinschaut, desto mehr verliert man sich in den ebenso raffinierten wie irritierenden Schichtungen der Bilder. Claudia Chaseling lŠsst den Betrachter bewusst allein. Letztendlich bleibt die Suche nach dem geordneten Überblick vergeblich: alles durchdringt und überlagert sich, das eine relativiert das andere, Formen und Körper fallen auseinander und lassen im gleichen Moment eine fantastische, neue Formenvielfalt entstehen. Staunen und Absturz sind in ihren Werken nur ein kleines Stück voneinander entfernt. Man spürt geradezu die Lust der Künstlerin am Verwirrspiel mit den Perspektiven.

Claudia Chaselings Gemälde der ersten Jahre nach 2000 gaben ihre landschaftlichen und architektonischen Inspirationsquellen relativ klar zu erkennen. Ihre aktuellen Werke sind hingegen auf einem hšheren Abstraktionsgrad angesiedelt. Indem sie die RealitŠt auf lineare Strukturen transformiert, vergrö§ert sie die Deutungsmöglichkeiten ihrer Bildräume. Die urbanen Situationen werden zunehmend in abstrakte RŠume Ÿberführt. StŠrker als zuvor scheint die Schwerkraft in den neuen Bildern au§er Kraft gesetzt zu sein. Die Linienstrukturen lassen sich nun eher mit Schwingungen etwa von digitalen Funknetzen oder Navigationssystemen denn mit Auto- oder Achterbahnen identifizieren.

Mit der fortschreitenden Abstraktion ist auch eine grä§ere Leichtigkeit und damit einhergehend die zunehmende Auflösung der Kompositionen zu beobachten. Die Bilder wirken nun stärker als zuvor wie Ausschnitte aus viel grö§eren Visionen raumgreifender Kompositionen. Diese Wirkung entsteht nicht nur innerhalb der Bildkompositionen, sondern auch durch die z.T. monumentalen Ma§e der Werke die bisweilen auf benachbarte Wände übergreifen. Vom zweidimensionalen Bild, das den Blick in einen vermeintlichen Raum jenseits der Leinwand freigibt, entwickelt Claudia Chaseling ihre Werke immer stärker in die Dreidimensionalität des Raumes, wobei sie dem Tafelbild treu bleibt. Die Reihung und Gruppierung einzelner quadratischer Bildtafeln zu immer grö§eren Ensembles erzeugt eine filmische Bewegung, darŸber hinaus wird der Betrachter mit Raumecksituationen oder gebogenen Bildflächen konfrontiert.

Hier schlie§t sich der Kreis zu Chaselings Postkarten. Mit der im Mai 2008 begonnenen, täglich wachsenden Serie schafft sie gleichsam ein kaleidoskopisches Panoptikum ihrer Bildwelt, das sich als künstlerisches Tagebuch beschreiben lie§e, welches von den gro§en Werken Anregungen aufnimmt, aber diesen auch als Inspirationsquelle dient. Chaselings Malerei hat ihre Wurzeln nicht nur in den anonymen Architekturwelten eines Giorgio de Chirico oder den Fantasielandschaften eines Franz Ackermann, sondern auch etwa in den extremen Perspektiven japanischer Farbholzschnitte des 19. Jahrhunderts und den abstrakt-linearen Mustern der Aborigines, die die Künstlerin während ihres mehrjährigen Australienaufenthaltes kennen lernte. Die Auseinandersetzung mit seriellen Strukturen der Op-Art und den Farben der Pop-Art sind ebenso erkennbar wie der kreative Diskurs mit der Architektur- und Industriefotografie der 1920er Jahre. Neben diesen kunsthistorischen Inspirationsquellen lässt sich die Künstlerin auch von naturwissenschaftlichen Bildern etwa von sichtbar gemachten Schwingungen und elektromagnetischen Wellen anregen.

Claudia Chaselings Malerei ist eine Gratwanderung zwischen dem Abbild erfahrener und erfundener Wirklichkeiten. Dabei entspricht das kleine Detail der übergeordneten Form und umgekehrt. Zwar strahlen die Werke eine Faszination fŸr eine synthetische, futuristische UrbanitŠt aus, doch Ð und das ist entscheidend - erschöpfen sie sich keineswegs in Darstellungen einer atemberaubenden Scheinwelt futuristischer Metropolen. Sie macht die Strukturen moderner Infrastruktur und Informationsautobahnen nicht nur sichtbar, sondern modifiziert sie, als wŠren es Nerven- oder BlutkreislŠufe eines Körpers. Weder die Handschrift der Linie und die Perfektion der Komposition noch Natur und High-Tech stehen dabei im Widerspruch, sondern sind einander entsprechende Formen von Bewegung und Leben.

Mit ihren kühnen Kompositionen umkreist Claudia Chaseling die hoch aktuellen Phänomene unbegrenzter Mobilität und ultraschneller Datenautobahnen. Doch lassen ihre Bilder bei aller Perfektion der erahnbaren Wirklichkeit stets die Möglichkeit der dynamischen VerŠnderung wie auch des Zusammenbruchs der modernen Zivilisation spüren. Ihre verfremdeten Architekturen sind sowohl im Sinne einer Faszination als auch als Kritik an einer hypermodernen Lebensumgebung zu verstehen, die die Bedürfnisse des Menschen nur zum Teil erfüllt. Zwischen Chaos und Perfektion, Natur und High-tech lassen die Bilder die Unwirklichkeit des Realen spüren.

© Dr. Nils Ohlsen, 2006